Die Bibel und ihre Übersetzer
Rundbrief, Sommer 2012

Es war an einem gewöhnlichen Arbeitstag in unserem IBT-Büro. Zwei Übersetzerteams waren für Beratungen nach Moskau gekommen. Für beide Teams war es die Endphase ihrer Arbeit. Beide Bibeln sind vollständig übersetzt. Im einen Fall ist die Bibel beinahe bereit, der Veröffentlichungsabteilung übergeben zu werden, und so werden die letzten technischen Details diskutiert. Im anderen Fall arbeitet das Team an den dritten und vierten Entwürfen von verschiedenen biblischen Büchern. Mich interessierte die Ähnlichkeit dieser beiden Situationen, und ich fragte mich, wie die Übersetzer, die zwei grosse Bevölkerungsgruppen aus dem Kaukasus und der Krim repräsentierten, sich nach ihrer Riesenarbeit fühlten. So bat ich die beiden Übersetzer um ein kurzes Interview. Als Erstes fragte ich sie, wie es gekommen war, dass sie sich entschieden hatten, ihr Leben der Bibelübersetzung zu widmen.

„Als mir vorgeschlagen wurde, ich sollte versuchen, den Bibeltext zu übersetzen, war es mir unangenehm. ‚Warum brauchen wir das überhaupt?’ fragte ich. ‚Wir haben unsere eigene Religion, und das ist der Islam. Ich brauche die Bibel nicht! Und mein Volk hat sie überhaupt nicht nötig!’Das war zu jener Zeit meine feste Überzeugung“, sagte der kaukasische Übersetzer. Aus lauter kulturellem Interesse und um eine Basis für seineGegenargumente zu haben, akzeptierte er das Buch. Es war das Lukasevangelium. „Ich las und las, und etwas in mir wurde nach und nach auf den Kopf gestellt,“ fuhr er fort. „Die Wirkung des Buches war derart, dass ich eine ganz andere Person wurde. Ich begann, in kleinen Schritten zu übersetzen. Sechs Jahre vergingen, und ich wurde ein Christ, aber das ist zu persönlich, um es zu erzählen...“

Der krimtatarische Übersetzer fing an, mit leiser Stimme sehr bescheiden zu sprechen.
„Nun, ich weiss gar nicht, warum ich zu diesem Projekt eingeladen worden bin. Wahrscheinlich brauchten sie einfach Leute... Warum gerade ich? Vielleicht weil ich sowohl in meiner krimtatarischen Muttersprache wie auch im Russischen ein Spezialist bin, und daneben auch noch im Türkischen, Usbekischen, Kasachischen und dem ganzen Rest der Turksprachen? Das ist doch nichts Besonderes...“ Aber hast du ein bevorzugtes biblisches Buch?“ fragte ich weiter. „O ja“, sagte er mit plötzlicher grosser Begeisterung, „das Buch der Offenbarung!“ „Das gehört aber zu den schwierigsten Büchern“, entgegnete ich eher zweifelnd. „Aber es ist überaus interessant!“ erwiderte er rasch, lächelte und berichtete dann von einem Übersetzungsproblem, mit dem er im Lauf seiner Arbeit konfrontiert worden war. „Im Krimtatarischen gibt es nur ein Wort für ‚Buchrolle’ und für ‚Bohrer’. An die erste Bedeutung denkt aber niemand mehr. Als ich die Bibelstelle aus der Offenbarung übersetzte, wo es heisst, ‚Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt’, verstanden es alle Leser so, dass der Himmel mit einem Bohrer verglichen wird, und sie waren sehr verblüfft. Ich musste es abändern in ,gefaltetes Papier’.“

„Und musstest du je eine beschreibende Art der Übersetzung anwenden?“ fragte ich unseren kaukasischen Übersetzer. „Ja, sagte er, „Menschen in der islamischen Tradition sind nicht an das Wort ‚Messias’ gewöhnt. Wir übersetzten ‚Christus’ mit ‚der von Gott ganz besonders Gesegnete’.“

„Dein Volk ist muslimisch“, formulierte ich meine nächste Frage. „Hoffst du immer noch, dass die Bibel ihre Leser finden wird?“

„Ich zweifle nicht daran, dass die Bibel ihre Leser finden wird. Wenn nicht sofort, wenn nicht jetzt, wo es in meinem Land für jeden, der es wagt, eine eigene Meinung zu haben, zu gefährlich ist, dann wird es später einmal geschehen. Es wird ganz bestimmt geschehen! Gott selber wird die Leser für die Bibel finden, es ist an ihm zu entscheiden, wann und wem er sie geben will. Es gibt einfach keinen anderen Weg, schon nur darum, weil die Bibel einmalig ist. Jeder, der sich um sein geistliches Wachstum bemüht, sollte sie auf seinem Nachttisch haben.“

Der krimtatarische Übersetzer schien eher überrascht dadurch, dass es überhaupt eine Frage sein könne, Leser zu finden. „Der Leserkreis für die Bibel ist seit langem bereit,“ sagte er. „Wer die krimtatarische Sprache kennt, sei er nun Muslim, Christ oder ungläubig, jeder und jede liest begierig biblische Texte. Unsere muslimischen Behörden waren gegen die Übersetzung, weil sie dachten, der Leserkreis sei unvorbereitet. Aber die Tatsachen haben das Gegenteil bewiesen. Die Bibel ist universal. Ich kenne sogar meine eigenes Land besser, nachdem ich die Bibel  übersetzt habe.“

Wie ist das möglich?“ fragte ich verwundert.

„Ich hatte keine Ahnung davon, dass die Libanonzedern typisch für die Krim sind. Bei der Übersetzung der Bibel begegnete mir dieser Name zum ersten Mal. Und dann erfuhr ich, dass diese Bäume auf der Krim wachsen. Nun will ich in den botanischen Garten gehen und herausfinden, was für ein Baum die Libanonzeder ist. Das ist mein Traum.“

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