Rundbrief Sommer 2017

„Wenn ein Gast ein kurdisches Haus betritt, sagt der Gastgeber gewöhnlich: ‚Du bist gekommen, um auf meinen Kopf zu treten‘.“ Das berichtete unser kurdischer Übersetzer im IBT-Büro in Moskau, als wir ihn nach kurdischen Traditionen beim Empfang von Gästen fragten. Zu sagen, wir seien schockiert gewesen, wäre noch eine Untertreibung! Auf Russisch bedeutet die gleiche Redensart, dass eine Person uns ärgert, dass ihr Verhalten uns aufs Äusserste nervt und dass ihr Tun uns schreckliche Probleme bereitet. Wir schauten einander fragend an: Was konnte er wohl meinen? Wollte er damit sagen, die Kurden hätten, anders als andere Völker des Mittleren Ostens, keine Tradition der Gastfreundschaft? Dass sie ihre Gäste zutiefst ablehnen? Aber alles regelte sich, als der Übersetzer diese seltsame Redensart erklärte: ‚Auf jemandes Kopf treten‘ zeigt auf Kurdisch die tiefe Demut des Gastgebers, der sich sozusagen zu Boden, ja, unter die Füsse seines Gastes wirft… Es war also genau das Gegenteil dessen, was wir vermutet hatten.

22. August 2016
Kurdish-Kurmanji Psalms & Proverbs Cyrillic
Kurdish-Kurmanji Psalms & Proverbs Latin

Zwei Bücher des Alten Testaments – die Psalmen und das Buch der Sprüche – sind  erstmalig auf Kurmandschi, der nördlichen Variante des Kurdischen erschienen. Es ist die Sprache der Kurden, die auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion leben: in Armenien, Georgien und einigen Gebieten Zentralasiens und Südrusslands. Die Schriftsprache der Kurden in diesen Gebieten wurde 1946 in der UdSSR auf Grund des kyrillischen Alphabets entwickelt und mit Zusatzzeichen versehen.

Rundbrief, November 2011


Die Kurden sind wahrscheinlich das grösste Volk, das keinen eigenen Staat hat. Sie leben verstreut in vielen Ländern. Die Tatsache, dass sie in einer für sie fremden und oft auch feindlichen Umgebung leben, lässt sie umso fester an ihren geschichtlichen Wurzeln und ihrer kulturellen Identität festhalten. Im Laufe der Jahrhunderte sind die meisten Kurden Moslems geworden, doch es gibt auch kurdische Jesiden, die einer Mischung von verschiedenen Glaubensrichtungen wie Zoroastrismus, Islam, Christentum und altem Heidentum anhangen. Diese synkretistische Religion geht auf einen Sufi-Scheich zurück, der sie im Irak während des Mittelalters begründete. Der jesidische Gottesdienst beinhaltet die Anbetung der Sonne und räumt der Anbetung der Engel, unter denen auch der Geist des Bösen ist, viel Raum ein. Die in Russland lebenden Kurden sind meistens Jesiden...