Rundbrief, Herbst 2018

Russland ist gross, und der Zeitunterschied zwischen Moskau und Jakutien (Republik Sacha) beträgt sechs Stunden. Am Ende einer Arbeitswoche mit dem Übersetzungsberater im Moskauer IBT-Büro befragte ich unsere Jakutisch-Übersetzerin Sargylana nach den neuesten Nachrichten ihre Übersetzung betreffend. Während dem Gespräch stellte sich heraus, dass sie jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden ist – in Jakutien war es 10 Uhr –, weil Sargylana sich nicht an die Moskauer Zeit gewöhnen wollte. Nach einem langen Arbeitstag und unvermeidlichen Haushaltsarbeiten am Abend ging sie der Moskauer Zeit entsprechend zu Bett. So ergab das für sie bloss fünf Stunden Schlaf. Aber das entspricht ihrer ausserordentlichen Hingabe, und der Versuch, sie zu mehr Sorgfalt im Umgang mit sich selber zu bewegen, schien nutzlos.

Rundbrief, Sommer 2018

Als Ulyana Mongusch von ihrer Arbeit erzählte, trug sie ein leuchtend gelbes Kleid im tuwinischen Stil. Es herrschte trostlos graues Moskauer Wetter. Daher konnte es mir beim Anblick solcher Schönheit nur besser gehen, und es stellte sich schnell heraus, dass die Kleiderwahl nicht zufällig war: „In Kysyl, der Hauptstadt von Tuwa, haben wir sehr heisse Sommer und sehr kalte Winter. Im Winter heizen wir Tag und Nacht unsere Öfen mit Kohle, weil die Zentralheizungen zu wenig Wärme abgeben. Die ganze Stadt ist mit schwarzem Smog erfüllt ist. Es wäre unvernünftig, etwas Weisses anzuziehen, denn bis zum Abend sind die Kleider schwarz vom Russ. Aber ich bin Lehrerin, und ich erachte es als meine Pflicht, meine Studentinnen und Studenten zu inspirieren. Darum ziehe ich im Winter trotz dem Russ etwas Helles an. So habe ich auch dir einen Sonnenstrahl gebracht...“

Rundbrief, Frühling 2018

„Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin kein professioneller ‚Literat‘. Aber eines Tages erwachte in mir ein tiefes Sehnen, das sich in eine brennende, mich umtreibende Frage verwandelte: Warum hat mein Volk kein eigenes Schriftsystem?“
So leitete Elisa (Wir geben ihm dieses biblische Pseudonym) seine Geschichte über die Anfänge seiner Mitarbeit in einem unserer Übersetzungsprojekte im Kaukasus ein. In unserem Gespräch erkannte ich Elisas grosse Hilfsbereitschaft, aber auch seine Abneigung zu sprechen. Seine Freundlichkeit kämpfte mit seiner festen Entschlossenheit, unerkannt zu bleiben. Erst nach meiner Zusicherung, dass sein Name nicht genannt würde, begann Elisa ungezwungen zu sprechen. Seine Worte waren eine von Herzen kommende Bestätigung für zwei bei kaukasischen Kulturen typische Eigenschaften: das grosse Verantwortungsgefühl und die Grosszügigkeit. Während dem halbstündigen Interview war ich die Fremde, die Elisas Hilfe brauchte, und er erwies sich als ein sehr wohlwollender Gastgeber, der mich in die besten Seiten seiner Kultur einführte...

Rundbrief, Winter 2017-2018

...Weder Alim noch irgendein Verwandter glaubten daran, dass dieses Leben noch zu retten wäre. Alles, was nun folgte, gleicht der Geschichte vom verlorenen Sohn. Alims Rettung aus dem Abgrund von Sünde und Verzweiflung, seine darauf folgende Versöhnung mit seiner Familie und seine totale Wiederherstellung fanden in mehreren Etappen statt. Der allererste Hoffnungsschimmer leuchtete auf, als er im Gefängnis in den frühen 1990er Jahren von einem anderen Balkaren besucht wurde. Es war einer der wenigen balkarischen Christen, der ihn da durch Gottes Führung in seiner Muttersprache anredete...

Rundbrief, Herbst 2017

Galina, ein Mitglied vom chakassischen Bibelübesetzungs- und Audioaufnahmeteam des IBÜ, beginnt zu erzählen: „Früher hatten die Chakassen folgende Beerdigungsrituale: Der Leichnam des verstorbenen Familienmitglieds blieb zuhause, und seine Angehörigen holten einen Chaidzi (Sänger von Heldenballaden). Der Chaidzi begleitete seinen Gesang auf einem chakassischen Musikinstrument mit sieben Saiten, das Tschatchan genannt wird. Dieses Instrument ist der Stolz der Chakassen, weil wir das einzige asiatische Volk sind, das dieses Instrument durch die Zeiten hindurch zu bewahren verstanden hat. In früheren Zeiten war es in ganz Asien verbreitet.